Geschichts-Blog‎ > ‎

Heimatglocken - Markvippach 1914-08

veröffentlicht um 28.08.2013, 23:18 von Udo Key

Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach. 

Mit dem Worte „Kriegsbetstunde“ tritt der ganze, furchtbare Wechsel uns vor Augen, der seit dem letzten Berichte der Heimatglocken sich mit dem ganzen Vaterlande auch für unsre Dorfheimat vollzogen. Als Kriegsbethstunde haben wir den heutigen Gottesdienst gehalten, nachdem am gestrigen Abend das Wort „Mobil“ durchs Land geflogen und von stürmenden Glocken verkündet war. Es war eine herzergreifende, wehmütige Abschiedsfeier mit vielen Schluchzen und Tränen. An die Predigt vom Altar aus, vor dem 19 einberufene Krieger saßen, schloß sich das heilige Abendmahl für die Scheidenden an dem aber auch viele ihrer Lieben mit niegesehenem Ernste und feuchten Augen teilnahmen. Darauf folgte, während die Orgel leise: „Befiehl Du deine Wege“ spielte, die feierliche Einsegnung der Krieger, ein unvergesslicher Moment für sie gewiß und die ganze, tiefbewegte Gemeinde. Mit „Wir treten zum Beten“ haben wir geschlossen. Im Becken lagen als erstes Opfer für unsere Soldaten 45,85 Mk. Noch ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, noch lebt die Hoffnung, dass es ausbleibt. Dann aber sind diese furchtbar ernsten Tage nicht umsonst gewesen, haben sie doch die besten und edelsten Gefühle ausgelöst, die in unserm Volke und auch in unsrer Gemeinde leben. Ein Kinderfest, das wir gewöhnlich im Juli abzuhalten pflegen, hat am 12. Juli stattgefunden und ist in der üblichen Weise bei Spielen und Tanz der Kinder und Bewirtung mit Rostwürsten und einem kühlen Trank, auch Gewinn kleiner Geschenke verlaufen. Die Schule wurde am 25. Juli geschlossen, da unser Lehrer Engel zu einer achtwöchentlichen Übung eingezogen wurde. Nun wird aus der Übung für ihn ein Feldzug werden. Die Ernte hat begonnen. Reich und prächtig steht sie da, Halm_ und Hackfrüchte beide vielversprechend. Aber auch die häufigen Niederschläge, die am 4. Juli allein bei uns 48 mm erreichten, während im benachbarten Sprötau am gleichen Tage nur 2 mm fielen, hat sich das Getreide vielfach gelagert und liegt wie gewalzt am Boden. So erfordert es nun doppelte Arbeit. Wird sie getan werden können? Werden die Hände reichen und die wenigen Gespanne, die der Krieg uns lassen wird? Ach, Herr Gott, gib uns Kraft und Gesundheit und sonnige Tage zur Ernte! Gaben. Vom Amtsrat Refardt 50 Mk. der Kirche und 50 Mk. dem Kriegerverein, dem Frauenverein von „Ungenannt“ 20 Mk.  H.K. für G.A.-Verein 20,55 Mk., L.K. für iI. Mission 7,95 Mk., für Kirchenbaufonds 3 Mk. und 2,35 Mk. für kirchl. Armenpflege,  2,15 Mk. und 2 Mk., für Basel 2 Mk.  Allen Lesern dieser Zeilen ein: Gott behüte Euch und Eure Lieben in der kommenden schweren Zeit!  

Reuße.

Comments