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Heimatglocken - Markvippach 1917-09

veröffentlicht um 11.09.2012, 02:14 von Udo Key   [ aktualisiert: 11.09.2012, 02:26 ]

Mit dem Scheiden des August ist der Sommer von uns gegangen; denn wenn auch kalendermäßig der Herbst erst mit dem 21. September bei uns einziehen soll, es ist uns doch schon seit Tagen recht herbstlich zu Mute. Nach der langen Trockenheit hat der August uns viel feuchtes Wetter gebracht, und nach der sengenden Hitze ists, in der letzten Zeit zumal, empfindlich kühl geworden. Und der Wind – manchmal wars Sturm – geht wieder über die Stoppeln! So ist die Ernte der Halmfrüchte beendet. Sie hat nicht wenig Mühe uns gemacht, manche Arbeit mußte zweimal und dreimal getan werden. Kaum waren die Garben so weit trocken, daß man hoffen konnte, andern Tages ans Einfahren gehen zu können, da rauschte der Regen schon wieder hiernieder, und von neuem mußte gewendet und umgestellt oder gar aufgebunden werden. Kein Wunder, daß manches Korn, manchmal mehr als die Aussaat, auf dem Acker draußen liegen blieb, und die Arbeit des Dreschens eine recht schmutzige Arbeit  für die Drescher wurde. Mit dem Ausmachen der Frühkartoffeln, die einige Landwirte gebaut haben, wurde Ende des Monats begonnen, der Ertrag war wohlbefriedigend, wie die gefüllten Waggons der Kleinbahn verrieten. Auch die Erwartung, daß die noch anstehenden Feldfrüchte infolge der äußerst ergiebigen Regenfälle der ersten Augusthälfte sich günstig entwickeln würden, scheint nicht zu trügen. Nur ist für den September viel Sonnenschein zu wünschen, damit erst das schöne Wiesengrummet gut eingebracht werden kann und dann die noch im üppigen Land stehenden Kartoffeln gut ausreifen und uns geben, was sie in Menge und Güte uns jetzt versprechen. Die Jagd ist am 20. August aufgegangen. Sie scheint in Hühnern und Hasen nicht das zu geben, was man gehofft hatte, jedenfalls weil dem Raubzeug, insbesondere Meister Reinecke, in der Kriegszeit nicht so zu Leibe gegangen werden konnte, als es nötig ist. Auch der Hamster, der zeitweilig ganz verschwunden zu sein schien, zeigt sich leider wieder recht häufig, und der Regen muß wohl noch schlimmer kommen, wenn den zahllosen Feldmäusen der Garaus gemacht werden soll. Die Obsternte geht flott weiter; was an Menge fehlt, gleichen für den Erzeuger die hohen Preise aus. Aber einen Ausfall an Obst wird es doch auf Jahre hinaus geben; sind doch nicht weniger als 300 der Gemeinde gehörigen Zwetschenbäume dem harten Winter zum Opfer gefallen, die letzthin am Stehen verkauft, für die Gemeindekasse einen Erlös von 406 M. brachten. Es wird wohl schwer fallen, für die Neuanpflanzung die nötigen Bäume zu beschaffen, da ja viele Gemeinden in der gleichen Lage sein sollen. Wir freuen uns, daß in den Zeiten schwersten Ringens unserer Heere unser Ort von schlimmen Nachrichten aus dem Felde verschont geblieben ist. Paul Laufer wurde durchs Eiserne Kreuz ausgezeichnet, Martin Reuße erhielt nach der ersten großen Flandernschlacht die Silberne Weimarische Verdienstmedaille mit Schwertern. Vom Unteroffizier Theodor Töpfer, der als vermißt gemeldet wurde, hoffen wir, daß er in Gefangenschaft sich befindet. Aus Urlaub kamen vom Westen Oberleutnant Werneburg, Paul Laufer, Walter Hirschfeld, Karl und Hermann Oehlwein (Vater und Sohn); aus Wilna Emil Sachse, von der Wacht auf der Nordsee Paul Kreuzberg. Arno Kanold, der aus Rumänien kam, mußte sich im Sophienhaus in Weimar einer Operation unterziehen, die gut verlaufen ist.              Gott befohlen alle daheim und draußen!                                                                                                                                                                                    Reuße.

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