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Heimatglocken - Markvippach 1915-03

veröffentlicht um 30.05.2012, 04:19 von Udo Key   [ aktualisiert: 30.05.2012, 04:22 ]

Nach wie vor ist der Krieg, der uns im Banne hält, der unsre Sorge ist, und in Alles, was wir bedenken und tun, hereinklingt. Manches Neue, noch nicht Dagewesene hat gerade der Monat Februar uns gebracht. Die Beschlagnahme des Brotgetreides und –Mehles für die Kriegsgetreidegesellschaft, die des Hafers fürs Heer, die Verpflichtung zur Angabe der vorhandenen Bestände, Beschränkung des Brotverbrauchs, Einschränkung des Haferquantums für die Pferde, alles Bestimmungen, die besonders in des Landmanns Wirtschaft tief einschneiden, uns aber zeigen, wie ernst die Sorge um eine ausreichende Ernährung unsres Volkes und seiner unfreiwilligen Gäste in den Gefangenenlagern genommen werden muß, wenn wir bei einer Weiterdauer des Krieges, abgeschnitten vor aller Einfuhr und nur auf die Vorräte im Lande angewiesen, bis zur nächsten Ernte durchhalten wollen. Dem Landmann fällt außer der Arbeit für die neue Ernte ein gut Stück dieser Fürsorge zu, auch jetzt noch, nachdem ihm das Verfügungsrecht über einen Teil seiner Vorräte genommen ist. Möchte er doch diese Fürsorge als eine heilige patriotische Pflicht erkennen, von deren Erfüllung der endgültige Sieg nicht weniger abhängt, als von den Waffentaten unsrer Heere. Eine eingehende Begründung dieser Forderung gab der Anfangs Februar in Berlin vom Preußischen Minister des Innern veranstaltete „Lehrkursus über Volksernährung im Kriege“, an dem ich mit vier Herren aus dem Großherzogtum im Auftrage des Großh. Staatsministeriums teilgenommen habe. In Befolgung der erhaltenen Anregungen werde ich in den Monaten März und April im Gebiete des 1. Verwaltungsbezirks Vorträge halten über den Ernst unserer Wirtschaftslage und die Anforderungen, die sich daraus an Landwirtschaft und Haushalt ergeben. Am 21. Februar hat der erste derartige Vortrag in Markvippach vor zahlreich versammelter Gemeinde stattgefunden, dem inzwischen bis Monatsschluß noch 4 in Nachbargemeinden gefolgt sind. Überhaupt aber ist es der Krieg hinter der Front, das Ringen der Heimarmee, das immer größere Bedeutung gewinnt. Der „Wollwoche“ des Januar ist der Februar mit einer „Metallwoche“ gefolgt, in der auch bei uns, wie im ganzen Lande, altes Kupfer, Messing, Zinn und Blei in stattlicher Menge gesammelt und an die Sammelstelle nach Weimar abgeschickt wurde. Der Heeresverwaltung ist solches Metall sehr willkommen, da die Einfuhr darin gering geworden ist, anderseits aber sie es zur Herstellung der erforderlichen Massen von Munition dringend notwendig braucht. – Zu der Liebesgabensendung fürs Rote Kreuz, die, in Eiern, Würsten, Speck und Butter bestehend, Anfang Februar nach Weimar abgesandt werden konnte, kam eine reiche Sendung von Kuchen aller Art, die am 17. Febr. Von jungen Mädchen des Ortes in verschiedene Lazarette Weimars gebracht wurde, und heute sollen wieder 32 Paar Strümpfe, die von verschiedener Stelle geschenkt worden, dem Roten Kreuz in Weimar zugehen. Für unsre Soldaten wurden am 4. Febr. 30 Pakete vom Frauenverein gepackt, von denen jedes 1 Karton Kakaowürfel von den Mädchen des Ortes, 12 Zigarren, 1/4 Pfd. Schokolade, 1 Handtuch, 1 Taschentuch und 1 Paar Fußschlüpfer enthielt. – Inzwischen sind freilich die Armee hinter der Front immer kleiner. Am 8. Febr. Wurde Otto Kreuzberg als Sanitätssoldat nach Langensalza einberufen, und am 23. Febr. Wurden zwei Angehörige des ungedienten Landsturms, Albin Stiebritz und Herm. Schröder, beim 2. Ersatzbataillon des 94. Regts. In Jena eingekleidet. Wie wird es mit der Bestellung und all` den anderen Arbeiten in Wirtschaft und Feld werden, wo die vielen, die besten Kräfte fehlen? Nun, da heißt es: Kopf hoch und den Mut nicht verloren! Denkt an die vergangene Ernte, wie wunderbar ging Alles wider unser Erwarten! Wie schön sind bis jetzt die Saaten durchgekommen, und die erste Bedingung für eine gute Ernte, reichliche Winterfeuchtigkeit, sie ist auch schon erfüllt. Ostern steht vor der Tür, der Hoffnung Fest. Möchte es doch im Feld und in der Heimat nur Herzen finden, die fröhlich in Hoffnung der Zukunft entgegen schauen.                                                             

In Treue 

Euer Pfarrer Reuße.

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