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Heimatglocken - Markvippach 1917-05

veröffentlicht um 07.03.2012, 22:33 von Udo Key   [ aktualisiert: 30.05.2012, 04:22 ]

Quelle: Heimatglocken  Schloßvippach - Artikel von Pfarrer Reuße aus Markvippach im Mai 1917 
freundlichst zur Verfügung gestellt von Manfred und Ingrid Schiller

Der letzte April brachte uns den ersten wirklichen Frühlingstag. Da durften wir erleben, was das Jahr bisher uns noch
versagt hatte; vom frühen Morgen an lag warmer Sonnenschein auf den Fluren, und in seinem Glanze leuchteten in
doppelt frischem Grün die ersten Spitzen der neuen Saat, die in den vergangenen Wochen, oft trotz nassem Wetter und
rauhen Winden, dem Schoß der Erde zu künftigem Segen vertraut worden war. Auch die Kartoffeln sind großenteils
schon im Boden geborgen, und wenn diese Zeilen an ihre Leser kommen, dann wird's so auch mit Runkeln ünd Rüben
und damit die Bestellung beendet sein. Nun mag nur der Mai sein Werk tuen und durch guten Wechsel von Regen und
Sonnenschein nachholen, was März und April versäumt haben, damit, wenn der Juli zu Ende sich neigt, die Sense wieder
klingen und der Schnitter zur Ernte gehen kann. Wir wissen nun, daß wir bis dahin unser täglich Brot zur Genüge haben
werden. Auch die Stadtleute! Die überflüssigen Vorräte an landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die vom 15.-17. April von
einer Kommission unter Leitung des Lehrers lmhoFNiederzimmern festgestellt wurden, waren wie in den anderen Orten
der Gegend auch hier recht erfreuliche; konnten doch nach Abzug des den Ezeugern Verbleibenden noch 399 Ztr.
Brotgetreide, 42 Ztr. Gerste, 140 Ztr. Hafer, 7 1/2 Zentner Hülsenfrüchte und ca. 1200 Ztr. Kartoffeln zur Abgabe kommen.
Und zu den vielen Schweinen, die der Ort in den vergangenen Monaten schon geliefert hat, kamen noch 28 fette hinzu,
die jetzt als lästige Verbraucher menschlicher Lebensmittel den Weg alles Fleisches gehen sollen. Aus wohlversorgten
Speisekammern wurden als zweite Gabe für die Hindenburgspende 123 Pfd. Speck beigesteuert. Es mag dies ein guter
Beweis für die Einsicht unsres Landvolkes sein, daß es erkannt hat, was not tut und darum unsre Pflicht ist; daß es nicht
umsonst gewesen ist, was Frl. Rassow aus Weimar am Nachmittag des 15. April in einer von hiesigen Frauen und
Mädchen gut und auch von einigen Männern besuchten Versammlung in warmhezigen Worten darlegte: ,,Wenn das
Land versagen wollte, dann könnten leicht all die unsagbaren Opfer der Kriegszeit umsonst sein, aber wenn es tut, was in
seinen Kräften steht, dann winkt uns, vielleicht in nicht allzugroßer Ferne mehr, der Sieg. Darum wollen wir unsre Liebe
zur Heimat zeigen, wollen Einschränkung üben, wollen möglichst vielen Stadtkindern bei uns auf dem Lande zur
Kräftigung und Erholung verhelfen, und auch an Gelde dem Vaterland geben, was es zum Endsieg noch braucht", Die
Frage der Aufnahme von Stadtkindern ist noch nicht entschieden, für die Kriegsanleihe sind aber auch aus hiesigem Orte
stattliche Summen gezeichnet worden. Die mancherlei Festtage des April brachten für kirchliche Zwecke mancherlei
Gaben. Am Palmsonntag spendeten die 5 Konfirmanden für den GustavAdolf=Verein 7 M., eine Beckenkollekte gab für
den Evangelischen Bund 3,30 M., eine Hauskollekte für die Aeußere Mission 46,15 M. Karfreitag brachte für die lnnere
Mission 11,65 M., für das Syrische Waisenhaus in Jerusalem 9,20 M. An den Ostertagen wurden für die Kriegsfürsorge
20 M., für den Kirchbaufond 7,57 M., für kirchliche Armenpflege 5 M. gegeben. Von unsern Kriegern kamen aus dem
Felde auf Urlaub, soviel ich gehört habe: Unteroff. Theodor Töpfer, Karl Klee, Artur Oehlwein, Alfred Gose, Willy
Hartmann. Auch aus den Garnisonen war mancher daheim. Martin Reuße ist wieder ins Feld. Sonst ist wenig Nachricht
von draußen gekommen. Wir wissen nur, daß, während im Osten stille Zeit ist, im Wes6ten mancher von den Unsrigen im
heißesten Ringen steht. 
Gott schütze sie alle und segne die Arbeit der Heimat für sie und das Vaterland! 
Reuße.

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