Auf dieser Seite werden geschichtliche Artikel aus diversen Quellen, hauptsächlich jedoch aus dem scheinbar unerschöpflichen Archiv der Heimatglocken Schloßvippach in regelmäßigen Abständen veröffentlicht. Familie Schiller aus Schloßvippach stellt uns einen Großteil Ihrer Artikel der Heimatglocken nach der Veröffentlichung freundlicherweise zur Verfügung. Die Heimatglocken selbst können Sie über Manfred Schiller beziehen und erscheinen quartalsweise. Bei Interesse wenden Sie sich per mail direkt an Familie Schiller - Kontakt
Ein Großteil der Beiträge sind Artikel des Pfarrers Reuße aus Markvippach, die er monatlich in den jeweiligen Heimatglocken der früheren Jahre veröffentlichte und spiegeln die subjektive Meinung und die politische Einstellung der damaligen Zeit wieder, welche natürlich aus unserer Sicht heute ganz anders interpretiert werden kann bzw. würde.
Anderseits findet man viel Wissenswertes über das alltägliche Leben, den Zusammenhalt innerhalb der Kirchgemeinde und über die allgemeinen Sorgen, Nöten und auch Freuden der Menschen in jener Zeit. Lassen Sie sich also in eine andere Zeit zurückversetzen und lernen Sie einen neuen Blickwinkel in die Geschichte kennen. 
Falls Sie ebenfalls interessante Zeitzeugnisse, Zeitungsartikel, Fotos noch zu Hause haben, würden wir uns sehr freuen, wenn Sie uns diese als Kopie zur Verfügung stellen würden und einer Veröffentlichung an dieser Stelle zustimmen. (Kontakt hier).


Heimatglocken - Markvippach 1917-04

veröffentlicht um 11.05.2015, 06:28 von Udo Key   [ aktualisiert: 11.05.2015, 06:30 ]

Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach
Nun ist im Felde wieder das Leben erwacht. Nachdem er noch fast den ganzen März über uns täglich mit Frost bedacht hat, sodaß das Durchkommen der Wintersaaten, von dem wir bis jetzt wenigstens reden dürfen, fast wie ein Wunder anmutet, hat sich der Winter – hoffentlich endgültig – in sein nordisches Reich zurückgezogen. Der Pflug zieht keine Furchen, Kultivatoren und Eggen krümeln die Schollen, die Drillmaschinen bringen die Saat in den Schoß der Mutter Erde, und hier und da „geht auch ein Säemann aus zu säen“, wie es der Väter Weise war. Der große Kampf des deutschen Ackers gegen den Britenacker hat begonnen, von dem man jenseits der Nordsee gesprochen, daß er die Entscheidung bringen werde. Die wünschen wir gewiß auch. Aber freilich denken wir uns etwas anders als jene. Möchte es mit ihr so sein, wie mit der deutschen Flotte, deren Schiffe die prahlerischen englischen Seelords gleich in den ersten Tagen des Krieges wie Ratten aus den Löchern holen wollten, die aber jetzt ihre Ratten unterm Wasser an Englands Küsten das Gespenst des Hungers tragen läßt. Der deutsche Acker soll siegen! Keine Hand wird ruhen, kein Fuß wird rasten, damit das Ziel erreicht wird, und wenn die nächsten Monate zur Aufrechterhaltung einer ausreichenden Ernährung des Volkes vom Landmann noch Opfer heischen sollten, er wird sie bringen. Denn mit dem Ganzen um das es geht, gehts auch um das Seine. Dem häßlichen Klagen aber gegenüber, in dem sich viele gefallen und sich und andere gewiß nicht stark machen für das, was kommen kann, mag das Wort Beherzigung finden: „Jetzt gilt es nicht nur aushalten und nicht nur durchhalten, sondern vor allem: Maul halten!“

Der März brachte der Schule wieder das Hagenbruchsche Legatfest. Sein schönster Teil, das Schokoladen=Brezelfest, mußte – wohl zum erstenmal – ausfallen, da der Krieg uns die Rohstoffe dazu entzogen hat. So konnte die ganze Summe von 55 M. zur Beschaffung von Schulgebrauchsgegenständen verwendet werden, was bei der derzeitigen Teuerung in derartigen Dingen gewiß von manchen Eltern freudig begrüßt worden ist. Den Konfirmanden konnte ich wieder Gesangbücher überreichen, für deren Beschaffung Frau Kapitän Kirchhoff freundlichst die Mittel zur Verfügung gestellt hatte.

Am 13. März fand eine Kriegsbetstunde statt, am 8. kam der Frauenverein zusammen. Die Jugendwehr hat auf Anregung von hoher und höchster Stelle wieder mit ihrer Arbeit begonnen. Die Gemeinde hat in den Bahnerlen Holz schlagen lassen und durch den Verkauf desselben den schönen Betrag von 398 M. gelöst.

Aus Urlaub kamen aus dem Felde in die Heimat, soviel ich weiß, Friedrich Schmara, Fritz Härter, Karl Klee, Oberleutnant Werneburg. Aus den Garnisonen konnten Sornowski, Alfred Hirschfeld und mein Sohn einige Tage daheim sein. Paul Angermann, der infolge schwerer Verwundung nur mit Stöcken sich vorwärts bewegen konnte, hat durch Anwendung einer elektrischen Kur in Weinheim bei Mannheim den freien Gebrauch der Füße wiedergewonnen.

Am 25. März wurde begraben Pauline Hirschfeld geb. Brüheim aus Stotternheim. Anfang Januar hatte sie noch mit ihrem Manne die goldene Hochzeit bei guter Gesundheit feiern können. Wenige Wochen darnach hat sie sich gelegt und ist nicht wieder aufgestanden, ihr Krankenlager ist ihr Sterbebett geworden. Und auch von einem andern Todesfall haben wir mit allgemeiner Teilnahme gehört. Noch nicht 34 Jahre alt starb in Halle a. S. ein Markvippacher Kinde, Käte Delorme, meines Vorgängers Adjunkt Lincke einzige Tochter, die Gattin unsres früheren Arztes Dr. Delorme in Großrudestedt. Gott tröste die betrübten hier und dort!

Reuße.

Heimatglocken - Markvippach 1916-04

veröffentlicht um 06.08.2014, 02:14 von Udo Key

Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach     

Als der März zu Ende ging, ist das Frühjahr mit Macht bei uns eingezogen. Wenn auch die Nächte noch kalt sind und Morgens zumeist schwacher Reif auf der Erde liegt, tagsüber ist prächtiger Sonnenschein. Nach reichlichen Niederschlägen, die das letzte Drittel des März zum Teil in Gestalt von Schnee noch brachte, steht die Wintersaat in saftigstem Grün und hat sich schon recht gut entwickelt. Ueber Auswinterung gibt es keine Klagen. Die Bestellung der Äcker ist in vollem Gange und geht rüstig vorwärts, da auffrischende Ostwinde den Boden schnell trocken gemacht haben. Ueberall herrscht vom Morgen bis Abend reges Leben, denn bei dem Mangel an Arbeitskräften muß jede Stunde benutzt werden. Und wer die Arbeit nicht mehr allein schaffen konnte, hat sich einen Russen aus dem Erfurter Gefangenenlager geholt, einen sogenannten „Gesindegefangenen“, den er zu beköstigen, aber auch in Wohnung hat, wie es Berthold Kästner, Ernst Klee, Elise Hirschfeld, Oskar Kühn und Friedrich Hoffmann getan haben. – Am Abend des 17. März kam die Gemeinde zu einem Familienabend zusammen, in dessen erstem Teil ich über unsre 4. Kriegsanleihe redete, dessen zweiten Teil Pfarrer Auffarth durch Vorführung recht ansprechender Lichtbilder von den einstigen Kriegsschauplätzen in Ostpreußen und Galizien und von der Gefechtsfront Ifenzo=Tirol ausfüllte. Der Frauenverein kam am 5., 12. und 26. März zu Unterhaltungsabenden zusammen. Er hatte die Freude, am 27. März eine Sendung von 26 Kopfkissen ans Rote Kreuz nach Weimar abgehen lassen zu können, und veranstaltete am letzten März eine Liebesgabensammlung, die große Mengen Asch- und andere Kuchen, 384 Eier, 30 Pfund Wurst, Speck und Butter, 400 Zigarren und Zigaretten, Käse, Gemüse, Wein, Himbeersaft und Eingemachtes ergab. Auch diese Sammlung soll den Lazaretten Weimars überwiesen werden, um den vielen Verwundeten, die von Verdun in den letzten Wochen dahin gekommen sind, eine Freude und Erquickung zu bereiten. – Aus den Familien ist über mancherlei Freudvolles und Leidvolles zu berichten. Der Gefreite Theodor Töpfer, dessen Schwester in Bachstedt wohnt, der aber auch von früher her in Markvippach bekannt ist, wurde, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz und der Verdienstmedaille mit Schwertern, am 19. März mit Marie Luise geb. Schulze aus Northeim getraut. Oskar Kühn konnte mit seiner Ehefrau Lina geb. Ritter am 16. März seine silberne Hochzeit feiern. Möge hier und dort Glück und Gottes Segen im Hause sein!  Dem Tage der Konfirmation sehen entgegen: Anna Sachse, Hulda Härter, Hedwig Angermann, Elisabeth Hoppe, Hulda Hagedorn, Marta Zeuner und Willi Ruppe aus Bachstedt. – Leider haben sich die Hoffnungen auf Genesung von Hildchen Bauer nicht erfüllt; am 15. März ist sie im Krankenhaus in Erfurt sanft entschlafen und am 18. März mittags auf dem hiesigen Friedhof beigesetzt worden. Traurige Botschaft ist auch aus dem Felde gekommen. Alle Angehörigen des 94. Res.=Regts., die aus unserm Orte stammen, sind in den Kämpfen bei Verdun verwundet worden, und befinden sich im Lazarett Leopold Giebner in Dornholzhausen b. Homburg, Otto Hirschfeld in Dessau, Hugo Walter, Josef Sarnowski, im Gesicht durch Granatsplitter verletzt, schon bald wieder felddienstfähig. Aber Alfred Salomon ist gefallen! Beim Abtransport von Gefangenen durch den Rabenwald am 14. März hat ihm 150 m hinter der Front ein französischer Volltreffer einen schnellen Tod gebracht. Tiefe Trauer herrscht um ihn, den trefflichen, lieben Menschen, in der Gemeinde, und die wärmste Teilnahme bringen alle seiner trauernden Witwe und den armen Eltern entgegen, die mit dem Gefallenen ihren dritten und letzten Sohn verloren haben. Die Trauerfeier, die am Abend des 30. März in hiesiger Kirche stattfand und auch den umliegenden Orten gut besucht war, gab von dieser Teilnahme beredtes Zeugnis. Mit Bedauern hören wir, dass auch ein andrer 94er, Theodor Boek, der früher lange Jahre auf dem Rittergute Markvippach Oberschweizer war, in denselben Kämpfen den Tod gefunden hat. Da ist es unser inniger Wunsch: Gott stehe uns bei, er schütze unsre lieben Krieger und  auch uns in der Heimat !                  

Reuße.

 

Heimatglocken - Markvippach 1917-06

veröffentlicht um 18.06.2014, 05:53 von Udo Key

Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach
Am 28. Mai wurde getauft Erich Kolzacki, das am 23. März d. J. geborene Söhnchen des Oberschweizers Franz K. in Bachstedt und seiner Ehefrau Elsa Frieda geb. Lohse. -  Willy Wächter ist im Felde vom Rheumatismus, seinem alten Leiden, wieder schwer heimgesucht worden, sodaß er schon seit längerer Zeit dienstunfähig ist und aus dem Lazerett in Köln=Kalk noch nicht auf Urlaub kommen konnte. Leander Wächter ist nach vielen Krankheitsmonaten wieder nach Hause zurückgekehrt und bis zur Entlassung beurlaubt. Paul Kästner, der durch Verleihung des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet wurde, ist an Achseldrüseneiterung, die wohl auf seine frühere Verwundung zurückzuführen ist, erkrankt und liegt wieder im Lazarett. Auf Urlaub weilten daheim Fritz Härter, der zum Eisernen Kreuz noch die Broncene Verdienstmedaille m. Schw. Vom Großherzog verliehen bekommen hat, Berthold Werner, Emil Zeuner und Max Kreuzberg, Heinrich Salomon ist auf die Unteroffiziersschule in Northeim gekommen als auf die letzte Stufe vorm Eintritt ins aktive Heer. Ins Feld gerückt sind Artur Walter aus Bachstedt und Joseph Sarnowski von ebendort, dieser zum 3. Male. Martin Reuße wurde mit einer Anzahl Kameraden bei einem Sturmangriff in der Arrasschlacht verschüttet, kam jedoch mit leichten Quetschungen noch glücklich davon, während die Mehrzahl seiner Kameraden den Tod oder schwere Wunden erlitt. Wenige Tage später wurde aber sein Kompagniekamerad und Altersgenosse Otto Büchner, Sohn des hies. Dachdeckers Karl Büchner und sr. Ehefrau geb. Wäldchen schwer verwundet und ist nach einer Mitteilung des Kompagnieführers auf dem Transport zur Sanitätskompagnie verschieden. Das 13. Opfer, das der Weltkrieg von der Gemeinde gefordert hat. An dem Tode des wackeren Kämpfers und dem schweren Geschicke der betroffenen Familie nahmen wir herzlichen Anteil. Auch an dem der Familie Amandus Salomon. Die beiden Söhne sind schon geblieben, jetzt ist auch der Schwiegersohn, der Landwirt Hemme in Großbrembach, einer schweren Verwundung erlegen. – Durch Haus= und Beckenkollekten gingen ein: für den Gustav Adolf=Verein 44,90 M., für die Baseler Mission 2,75 M., für Kriegsfürsorge 20 M., für kirchliche Armenpflege 4 M. und für den Kirchbaufonds 5,60 M. – An den Pfingsttagen herrschte reges Leben im Orte. Allenthalben war Besuch aus der Stadt in den Häusern erschienen, erfüllt von der Hoffnung, sich mit Hilfe der ländlichen Verwandten die Aufstellung des Küchenzettels für die nächste Zeit etwas erleichtern zu können. Aber so leicht fällt es auch auf dem Lande nicht mehr, zu helfen, und manch eines hat gewiß nicht tun können, wie es gerne mochte. Da muß erst wieder etwas wachsen und geerntet werden. Gute Aussicht dazu hat der Mai uns gegeben. Er hat schnell nachgeholt, was die Monate vorher mit ihrer kalten, nassen Witterung versäumt hatten. Es fehlte nicht an schönen, warmen Tagen, wie wir sie im ganzen Sommer 1916 nicht gehabt haben. Und auch die nötigen Niederschläge blieben nicht aus, die mit schweren Gewittern zum Teil verbunden am 10., 16., 29. und 31. Mai eine Regenmenge von gegen 100 mm für die Flur ergaben. So haben sich denn fast alle Gewächse üppig entwickelt, und eine gute Futterernte ist schon gewiß. Auch die Beeren und die Kirschen versprechen reiche Erträge. Die Birnen haben sehr gut angesetzt, die Aepfel mittelmäßig, von den Pflaumen ist nicht viel zu erwarten, da die Blüte sehr schwach war und der strenge Winter Tausenden von Zwetschenbäumen den Tod gebracht hat.        
Mit herzlichen Grüßen
Reuße.

 

Heimatglocken - Markvippach 1915-02

veröffentlicht um 20.03.2014, 03:02 von Udo Key

Quelle: Archiv Manfred Schiller Schloßvippach

Kirchlicher Neujahrsbericht. Im Jahre 1914 wurden 7 Kinder geboren, 4 in Bachstedt, 3 in Markvippach, und zwar 4 Knaben, 3 Mädchen. - Getauft wurden 7 Kinder, 5 Kn., 2 M., darunter 3 aus Bachstedt. – Konfirmiert wurden 10 Kinder, 4 Kn., 6 M. – Aufgeboten und getraut 1 Paar, das auswärts seinen Wohnsitz nahm. – Gestorben und kirchlich beerdigt 5 Personen, 5 Mon., 75 J., 78 3/4 J., 82 1/2 J. alt, von auswärts eine Ehefrau von 30 3/4 J. – Zum Tisch des Herrn gingen 288, 123 männl., 165 weibl. Geschlechts, das sind ca. 120 % der Erwachsenen, 60 Personen mehr als 1913. – Der Klingelbeutel hatte eine Einnahme von 105,93 M., d.s. 20,32 M. mehr als 1913. – Die Kollekten, Haus- und Beckenkollekten, ergaben 305,46 M., wovon die Ä. Mission 16,50 M., die I. Mission 20,33 M., der G.A.-Verein 41,50 M., Landkollekte 12,40 M., kirchl. Armenpflege 9,60 M., Kirchbaufonds 19,45 M., Rotes Kreuz und unsre Krieger 185,68 M. erhielten. – Kirchenbesucher. Ihre Zahl ist von 3500 auf 4700 gestiegen. Die Heimatglocken hatten im vergangenen Jahr im Orte 63 Leser, auswärts 60, darunter 5 im Auslande. Die Einnahme betrug 163,35 M., die Ausgabe 125,40 M. Seit Kriegsbeginn wurden die Heimatglocken noch in ca. 30 Ex. ins Feld gesandt. Fürs Jahr 1915 zahlten 60 Bezieher im Orte 49,70 M., 61 auswärtige Leser 112,35 M. Der Frauenverein schaut auf das erste Jahr seines Bestehens zurück; er zählt 49 Mitglieder und hatte eine Jahreseinnahme von 124,20 M. Am 24. Jan. fand die erste Vereinsversammlung im neuen Jahr statt, in der eine Liebesgabensendung an unsre Soldaten beschlossen und über Mitarbeit bei der Reichswollwoche geredet wurde. – Die Reichswollwoche hatte einen recht guten Erfolg, so daß ein vollbeladener Wagen zur Bahn fahren konnte.Unsre Krieger. Nun sind es ihrer schon 38 geworden, die um des Weltkriegs willen Königs Rock angezogen haben. Von ihnen sind 23 gleich zu Beginn des Krieges ins Feld gerückt, 8 weitere folgten als Landsturmleute, Kriegsfreiwillige und Ersatzreservisten nach.. Inzwischen sind auch die Rekruten des Jahrgangs 1914 zur Front gekommen. Otto Dornis liegt schon seit Wochen im Schützengraben bei Rawa, Max Walther, der uns die ersten Kriegsmonate Brot und Kuchen gebacken, hat am 16./17. Jan. in Polen die Feuertaufe erhalten, Fritz Dittmar rückt in diesen Tagen aus, Karl Klee und Karl Sölter werden wohl bald folgen. Als letzter ist jüngst Willi Hartmann als Ersatzreservist eingezogen worden. Richard Walter hat von seinem ihm gewiß lieb gewordenen Etappenplatz Dun scheiden müssen und ist kurze Zeit danach verwundet worden, so daß ein Glied des rechten Zeigefingers abgenommen werden musste. Er befindet sich in Karlsruhe im Lazarett.Paul Angermann liegt rheumatismuskrank in Heidelberg im Lazarett. Emil Baumann war an Influenza erkrankt, ist aber auf dem Wege der Besserung. Von Wilh. Dornis ist endlich Nachricht gekommen, er ist am 19. Nov. Verwundet in russische Gefangenschaft geraten und nach Kuosk in Südrußland gekommen. Von Alfred Dittmar liegt noch keine sichere Kunde vor. Alles spricht auch heute noch dafür, dass er gleichfalls verwundet in russischer Gefangenschaft ist. Und wir hoffen es alle von ganzem Herzen. Kriegsfürsorge. Eine reiche Liebesgabensendung ist heute nach Weimar zum Besten der verwundeten deutschen Soldaten gesandt worden. Gott segne die Geber und Gaben.                                                        Mit herzlichen Grüßen ins Feld und in die Heimat!    

Pfarrer Reuße.

Heimatglocken - Markvippach 1915-01

veröffentlicht um 29.01.2014, 01:40 von Udo Key   [ aktualisiert: 29.01.2014, 01:41 ]

Quelle: Archiv von Manfred Schiller, Schloßvippach

Ein neues Jahr hat angefangen; mag es ein Jahr der Gnade sein für unser Volk und unsre Gemeinde! Möchte es uns den ehrenvollen Frieden bescheren, den wir alle ersehnen, und uns unsre Lieben aus dem Felde wieder in die Heimat bringen. Dieser Wunsch des deutschen Volkes soll auch der Heimatglockenwunsch zum Neujahr 1915 sein! – Noch vor Jahresschluß, am 21. Dez. kam die Trauerkunde ins Dorf, dass der Wehrmann Oskar Maak am 11. Dez. in Nordfrankreich den Tod fürs Vaterland gestorben sei. Er war, bevor er in den Krieg zog, Arbeiter an unsrer Kleinbahn und seine Frau besorgte die Geschäfte auf dem Bahnhof Markvippach. Mit der Mutter trauern 5 unmündige Söhnchen um den Vater, der wegen seines freundlichen Wesens allgemein gut gelitten war. Am 22. Dez. abends hat die zahlreich versammelte Gemeinde in einer Trauerandacht, zu der der Kriegerverein mit Fahne erschienen war, den gefallenen Krieger geehrt. Eine Gedenktafel in der Kirche wird später auch seinen Namen den kommenden Geschlechtern künden. – Über Unteroffizier Wilhelm Dornis, vom Großherzog, seinem Landesherrn, durch Verleihung des Militärverdienstabzeichens ausgezeichnet, und Alfred Dittmar, beide 3/94 ist seit dem unglücklichen Gefechte des Regimentes am 18/19 Dezember keine Nachricht eingelaufen, und bange Sorgen herrscht daheim um ihr Geschick. Als Bestes hoffen wir, dass sie als Gefangene in Feindes Hand sich befinden. Möchte das neue Jahr bald gute Nachrichten bringen. – Sonst wissen die meisten Karten und Briefe aus dem Felde nur Gutes vom Ergehen unsrer Krieger, ihrem guten Mut und ungeschwächter Begeisterung für die heilige Sache des Vaterlandes zu berichten. Zahlmeister Jünger hat auf dem westl. Kriegsschauplatz das Eiserne Kreuz erworben. Paul Walter erzählt anschaulich von der Weihnachtsfeier des Landsturmbattaillons Weimar im Großen Hauptquartier, Hermann Eberling, wie die 11. Res.-San.-Kompagnie, und mein Sohn, wie sie auf Bahnwache bei Kutno in Polen Weihnachten gefeiert haben. Die Weihnachtspakete sind gut angekommen, und beim Anblick all der Liebesgaben aus der Gemeinde und Familie daheim sind die Gedanken zu uns geeilt in Sehnsucht und dankbarer Liebe. So war es auch bei uns und bei der gemeinsamen Weihnachtsfeier, die wir am Abend des 1. Feiertages im Hermannschen Gasthofe veranstalteten. Inmitten des Saales stand der Christbaum und auf langer Tafel lagen die Geschenke für die 31 Kinder unsrer im Felde stehenden Wehrleute. Dem Gesang des „Stille Nacht“ folgten zwei Deklamationen der Kinder, eine Ansprache meinerseits an die Wehrmannsfrauen, als diejenigen, auf denen des Krieges Sorge am meisten lastet, und dann kam die Bescherung. Jede der 13 Frauen erhielt als Geschenk 12 Mk., jedes Kind 1-2 Geschenke und einen großen Teller voll Süßigkeiten, Backwerk, Äpfel und Nüsse. Der Gesang von „O du fröhliche“ beschloß die Feier. An sie schloß sich ein Kriegsfamilienabend an, der 4., den wir hielten, mit Vortrag über den Gang der Dinge auf den drei Kriegsschauplätzen im Osten, Westen und auf der See, Verlesen von Kriegsbriefen und Darlegungen über: Goldabliefern, sparet mit den Lebensmitteln und Jugendwehr. Die Weihnachtsgabe des Kriegervereins besteht darin, dass er die verheirateten Kriegsteilnehmer des Ortes mit je einem Anteil in die Kriegsversicherung eingekauft hat. Eine Sammlung für die Jugendwehr zur Beschaffung von Trommeln und Pfeifen und gelegentlichen Veranstalten von Abkochen ergab 82 Mk., eine Kriegssammlung am 2. Feiertage 330 Mk., sodaß bis jetzt für Kriegszwecke im Orte über 1700 Mk. in Geld eingenommen sind. Der Neujahrsbericht folgt wegen Mangel an Raum erst in der nächsten Nummer.                               

Mit herzlichen Grüßen    

Euer Pfarrer Reuße

Heimatglocken - Markvippach 1913-12

veröffentlicht um 09.12.2013, 01:07 von Udo Key   [ aktualisiert: 09.12.2013, 01:07 ]

Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach 

Abendmahlsfeiern. Bußtag und Totensonntag waren uns, was sie sein sollen: Tage der Einkehr. Am Bußtag gingen 57 Verheiratete, auch Witwer und Witwen, am Totenfest 75, meist Ledige und Jungverheiratete, zum Tisch des Herrn. Weitere Kommunionen finden statt: am 2. Advent vorm. 9 Uhr, 12 Dez. vorm. 10 Uhr, 1. Weihnachtsfeiertag nachm. 4 ½ Uhr. Frauenverein. Für den 1. Dez., abends 8 Uhr, habe ich alle Frauen des Ortes in den Hermannschen Gasthof eingeladen, da wollen wir einen Frauenverein gründen, wie ihn viele Gemeinden in der Nachbarschaft schon haben. Die freudige Zustimmung, die ich zu meinem Vorhaben schon von mancher Seite empfangen habe, läßt erwarten, daß die Beteiligung an dem Verein gut sein und der Segen für unsern Ort nicht ausbleiben wird. Mit einer Weihnachtsaufführung durch die Schulkinder will unser Lehrer uns am Abend des 1. Weihnachtstages erfreuen. Der Bohrturm vorm Dorfe ist nun wieder verschwunden, das Bohrloch ist ausgefüllt und die „Bohrleute“ werden uns in wenigen Tagen verlassen haben. Wir können wohl sagen, daß ein gutes Einvernehmen zwischen den Ortsbewohnern und den Fremden die ganze Zeit ihres Hierseins bestanden hat. Sie waren hier ordentlich heimisch geworden, zumal sie ja schon 5/4  Jahre lang in Sprötau sich ungemein wohl gefühlt hatten. Der Gemeindekasse ist eine stattliche Einnahme aus der Bohrung zugeflossen, die Schule hat eine prächtige Sammlung sämtlicher Gesteinsarten erhalten, die man bei der Bohrung angetroffen hat, und in manchem Hause wird ein Stück Bohrkern zur Erinnerung aufbewahrt.

Opfer und Dank. Die Beckenkollekte am Ref.-Fest wendete dem Gustav Adolf-Verein 5,90 Mk., die am Bußtage der I. Mission 5,22 Mk. zu, die Landeskollekte ergab 11,95 Mk. Für die Heimatglocken erhielt ich: 10 Mk. v.A.M. Berlin, 6 Mk. Ch.K.Zernez, Schweiz, 3 Mk. J. Halle, 2 Mk. K.D. Halle, 2 Mk. J.Sch., Salzwedel. Allen Gebern herzlichen Dank!  In der Hoffnung, daß recht viele Bestellungen auf die Heimatglocken nach dem Erscheinen dieser Nummer von Fern und Nah an mich gelangen, wünsche ich allen Lesern der Heimatglocken daheim und draußen ein fröhliches Weihnachtsfest!                                                                                                                                                               Reuße.

Heimatglocken - Markvippach 1914-10

veröffentlicht um 25.11.2013, 05:18 von Udo Key

Quelle: Archiv Heimatglocken Schloßvippach, Manfred Schiller

Getauft wurde am 6. Sept. Ella Paula Fleischhauer, T. des Landw. Otto Friedr. Wilh. F. in Greußen, z.Z. im Kriege, und seiner von hier gebürtigen Ehefrau Olga Klara geb. Giebner. Beerdigt wurde am 1. Aug. im Alter von 75 Jahren Auguste Wilhelmine Spangenberg geb. Weishase, Ehefrau des hies. Landw. Karl Friedrich Spangenberg. Es war ein arbeitsreiches, gesegnetes Leben, das nach langen Monden schweren Leidens seinen Abschluß gefunden. – Am 10. Sept. ward Horst Heinz Albin Fritz Tümmler aus Bachstedt im Alter von einem halben Jahre begraben. Aber größere Lücken als daheim hat der Tod in die Reihen der Unsrigen gerissen, die draußen im Felde stehen. Am 22. August ist der Leutnant Heinz Refardt, der nach dem Tode von Vater und Mutter in Bachstedt eine zweite Heimat gefunden hatte, bei Bertrix in Frankreich den Heldentod gestorben, und in den Kämpfen in Ostpreußen zwischen 9. und 15. Sept. sind Max Mörseburg aus Schwansee, hier seit 2 Jahren im Dienst bei Oskar Kühn, und Fritz Hage, bisher Kraftwagenführer in Bachstedt, fürs Vaterland gefallen. In besonderer Andacht am Schluß des Sonntagsgottesdienstes oder auch, je nachdem die Todesnachrichten kamen, in der Kriegsbetstunde, die nach wie vor alle 14 Tage am Mittwochabend stattfindet, haben wir der Tapferen gedacht, als ob wir an ihren Gräbern stünden, und nach deer Trauerandacht haben die Glocken geläutet wie sonst, wenn wir vom Grabe kommen. Überhaupt ist der Krieg, das große Völkerringen, das in Alles hineinklingt, in jede Stunde, die wir jetzt leben. Die Predigt am Sonntag, sie kann nicht an dem vorübergehen, das Allen auf der Seele liegt. Alle Arbeit in der jetzt noch wenig vorhandenen freien Zeit besteht im Stricken von Strümpfen, Handmüffchen, Kniewärmern und Kopfschützern. Der Frauenverein ist unter großer Beteiligung der weiblichen Jugend alle 14 Tage zusammengewesen zur Beratung über das, was von weiblicher Hand zur Linderung der Kriegsnot getan werden kann. In der letzten Versammlung sind für jeden unsrer Markvippacher Soldaten 2 kleine Feldpostpaketchen gepackt worden, 68 Stück, mit Strümpfen, Fußlappen, Handmüffchen, Briefpapier, Bleistiften, Klammernadeln, Zigarren und Schokolade. Zirka 15 Zentner Liebesgaben, bestehend in Brot, Eiern, Speck, Wurst, Obst, Gemüse sind im Orte gesammelt und nach Weimar gesandt worden, dutzende von Hemden sind für den Hauptfrauenverein genäht, andere geschenkt worden. Dicke Westen und Unterhosen sollen in Kürze für alle von uns ausgegangenen Soldaten beschafft werden. Am 2. September nach der Feier am Feuer und am Erntedankfest haben vaterländische Gemeindeabende stattgefunden, die die ganze Gemeinde versammelt sahen. Da haben wir die alten schönen Vaterlandslieder gesungen, haben uns erzählen lassen vom Kriegsgang im Westen und Osten, auf dem Lande und zur See, von deutscher Treue und welcher Tücke und unsrer Hoffnung auf endgültigen Sieg. Die Sammlungen für Kriegsliebestätigkeit haben einen schönen Fortgang genommen und die Höhe von 1157,81 Mk. erreicht, die durch zwei Haussammlungen (823,35 Mk.), vier Beckenkollekten (113,71 Mk.) und eine Sammlung der Frauen zur Beschaffung von Wolle und warmen Kleidungsstücken (220,75 Mk.), zusammengekommen sind. Kriegskarten und Kriegsbriefe sind in großer Zahl hereingekommen. Sie atmen alle einen guten Geist, so wie der Brief, den ich eben lese, sagt: „Liebe Frau, Du machst Dir Sorge? Das geht doch nicht anders, denn wir wollen doch unser Vaterland erhalten; es geht alles seinen Gang, wie es vom lieben Gott beschieden ist.“ Gewiß! Und dabei mags bleiben! Gott behüte Euch, Ihr Lieben in der Ferne. Mit der ganzen Gemeinde grüßt Euch herzlichst              

Euer Pfarrer Reuße.

 

Heimatglocken - Markvippach 1914-09

veröffentlicht um 09.09.2013, 05:03 von Udo Key

Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach 

Ps.41, 6-14. „Sie haben ein Bubenstück über mich beschlossen: wenn er liegt soll er nicht wieder aufstehen“. Und darum hat das große Völkerringen begonnen, darum musste unser liebes, deutsches Volk die Werke des Friedens liegen lassen, in denen es so Großes durch 4 Jahrzehnte geleistet, und musste zu den Waffen eilen. Darum ist auch in unsre sonst so friedliche Dorfheimat soviel Unruhe, Sorge und Kummer gekommen. Denn gar viele unsrer Lieben sind hinausgezogen in den Kampf fürs Vaterland oder harren der Stunde, wo sie der Zug nach Osten oder Westen trägt. Außer den aktiven Soldaten: Karl Zaubitzer, Otto Stiebritz, Walter Hirschfeld, Fritz Härter, Alfred Focke, Paul Angermann sind es: Ltn. Werneburg, Untffz. Max Engel, Vizewachtm. Paul Rössner, Wilhelm Dornis, Max Mörseburg, August Laufer, Alfred Dittmar, Artur Oehlwein (Reservisten), Leopold Giebner, Berthold Werner, Richard Walter, Alfred Salomon, Emil Baumann, Hermann Gundermann, Friedrich Chmara, Joseph Sarnowski (Landwehr), Kriegsfreiwillige Heinz Refardt, Rudolf Reuße und Paul Walter (Landsturm). Manche Familie hat auch noch Sohn und Schwiegersohn, die auswärts wohnen, im Felde, und mancher wird wohl noch als Landsturmmann zur Fahne gerufen werden. Gott stähle Euch, ihr lieben Krieger, den Mut, er stärke Euch den Arm, er sei mit Euch im Getümmel der Schlachten und auf der Wacht im fernen Land in finstrer Mitternacht! „Du aber Herr sei mir gnädig, und hilf mir auf!“ Sehet ihr, die ihr daheim geblieben, wohin ihr jetzt gehört: vor Gott! Wie wir uns an sein Herz warfen, als unsre Lieben von uns gehen mussten, und wie im festen Gottvertrauen und heißem Gebet ihm befahlen, so mags auch fürderhin geschehen, wenn die Sorge drückt und der Kummer quält, darum halten wir unsre Kriegsbetstunden. Und nicht wahr, wenn die Stille des Abends gekommen ist und im Gotteshaus die Lichter freundlich blinken, da wird in dieser Zeit das Kirchlein bald zu klein für uns, da hört es sich so feierlich an das Wort von der Not der Zeit, keim Lärm des Werktags nimmt es uns wieder weg, es geht mit uns heim und klingt aus im Kämmerlein im Gebet für die Lieben in der Ferne. Dann werden auch die Opfer leicht, die große Zeit heischt. Wie viel und wie gern ist gegeben worden für die Linderung der Nöte des Krieges. Bis jetzt 630 Mk.! Eine Haussammlung brachte 410 Mk., 2 Beckenkollekten 70 Mk., und die Frauen und Mädchen haben schon 150 Mk. zur Beschaffung von Wolle und warmer Unterbekleidung gespendet. 30 Pfund Wolle sind gekauft, und viele fleißige Hände sind dabei, sie zu Strümpfen und Handmüffchen zu verarbeiten. Liebesgaben sollen gesammelt, genesende Verwundete aufgenommen werden. Nun, Herr, segne Du Geber und Gaben! „Gelobet sei der Herr, der Gott Israels, von nun an bis in Ewigkeit!“ So durfte die Kriegspredigt am letzten Sonntag des unvergesslichen Monats August 1914 Schließen. Ist doch Massensiegesbotschaft der Morgengruß fürs deutsche Volk geworden und leitet des Abends wieder zur Ruhe. Sedan wars wieder, im Westen, aber auch im Osten. Amboß sollten wir sein, Hammer sind wir geworden für unsre Feinde. Sieg ist unser Teil auch über all die andern Feinde, die am Marke unsres Volkes zehrten. Sieg auch auf dem Felde der Arbeit, denn die Ernte ist glücklich geborgen. Herr Gott, führe unser Heer und Volk also weiter durch Sieg zum Frieden, zur Größe, zum Glück! Sei mit uns allen, die uns lieb sind!  

Reuße. 

Heimatglocken - Markvippach 1914-08

veröffentlicht um 28.08.2013, 23:18 von Udo Key

Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach. 

Mit dem Worte „Kriegsbetstunde“ tritt der ganze, furchtbare Wechsel uns vor Augen, der seit dem letzten Berichte der Heimatglocken sich mit dem ganzen Vaterlande auch für unsre Dorfheimat vollzogen. Als Kriegsbethstunde haben wir den heutigen Gottesdienst gehalten, nachdem am gestrigen Abend das Wort „Mobil“ durchs Land geflogen und von stürmenden Glocken verkündet war. Es war eine herzergreifende, wehmütige Abschiedsfeier mit vielen Schluchzen und Tränen. An die Predigt vom Altar aus, vor dem 19 einberufene Krieger saßen, schloß sich das heilige Abendmahl für die Scheidenden an dem aber auch viele ihrer Lieben mit niegesehenem Ernste und feuchten Augen teilnahmen. Darauf folgte, während die Orgel leise: „Befiehl Du deine Wege“ spielte, die feierliche Einsegnung der Krieger, ein unvergesslicher Moment für sie gewiß und die ganze, tiefbewegte Gemeinde. Mit „Wir treten zum Beten“ haben wir geschlossen. Im Becken lagen als erstes Opfer für unsere Soldaten 45,85 Mk. Noch ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, noch lebt die Hoffnung, dass es ausbleibt. Dann aber sind diese furchtbar ernsten Tage nicht umsonst gewesen, haben sie doch die besten und edelsten Gefühle ausgelöst, die in unserm Volke und auch in unsrer Gemeinde leben. Ein Kinderfest, das wir gewöhnlich im Juli abzuhalten pflegen, hat am 12. Juli stattgefunden und ist in der üblichen Weise bei Spielen und Tanz der Kinder und Bewirtung mit Rostwürsten und einem kühlen Trank, auch Gewinn kleiner Geschenke verlaufen. Die Schule wurde am 25. Juli geschlossen, da unser Lehrer Engel zu einer achtwöchentlichen Übung eingezogen wurde. Nun wird aus der Übung für ihn ein Feldzug werden. Die Ernte hat begonnen. Reich und prächtig steht sie da, Halm_ und Hackfrüchte beide vielversprechend. Aber auch die häufigen Niederschläge, die am 4. Juli allein bei uns 48 mm erreichten, während im benachbarten Sprötau am gleichen Tage nur 2 mm fielen, hat sich das Getreide vielfach gelagert und liegt wie gewalzt am Boden. So erfordert es nun doppelte Arbeit. Wird sie getan werden können? Werden die Hände reichen und die wenigen Gespanne, die der Krieg uns lassen wird? Ach, Herr Gott, gib uns Kraft und Gesundheit und sonnige Tage zur Ernte! Gaben. Vom Amtsrat Refardt 50 Mk. der Kirche und 50 Mk. dem Kriegerverein, dem Frauenverein von „Ungenannt“ 20 Mk.  H.K. für G.A.-Verein 20,55 Mk., L.K. für iI. Mission 7,95 Mk., für Kirchenbaufonds 3 Mk. und 2,35 Mk. für kirchl. Armenpflege,  2,15 Mk. und 2 Mk., für Basel 2 Mk.  Allen Lesern dieser Zeilen ein: Gott behüte Euch und Eure Lieben in der kommenden schweren Zeit!  

Reuße.

Heimatglocken - Markvippach 1917-07

veröffentlicht um 28.08.2013, 23:15 von Udo Key

Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach. 

Mit Donner und Blitz und strömendem Regen, liebe Heimatglockenfreunde, ist bei uns der Juni zu Ende gegangen. Er war ein warmer, echter Sommermonat, an dem Tag für Tag die Sonne ihre heißen Strahlen auf unsere Fluren scheinen ließ, so daß es einem manchmal zu viel der Sonne und der Wärme war, daß man nach bedecktem Himmel ausschaute und nach einem kühlen Tag und erquickenden Regen sich sehnte. Und nun an den beiden letzten Junitagen bez. Nächten ist der Regen noch gekommen, für Vieles noch zur rechten Zeit, so daß das Getreide gut auskernen wird und bald uns mit ihren Erstlingen in reicher Fülle versorgen werden. Die Ernte in Klee und Heu war recht ergiebig, und sie war auch nicht schwer, denn unter der Arbeit der Hände und Rechen ward bei der herrschenden Wärme das Futter bald dürr, brauchte nicht erst auf Böcke zu kommen, sondern konnte schon nach wenigen Tagen in bester Verfassung eingefahren werden. Wundervoll reich war die Blüte der Kastanien und Akazien, und seit vierzehn Tagen erfüllt eine prangende Lindenblüte die Luft mit ihrem köstlichen Dufte. Allabendlich nach getaner Arbeit sieht man fleißige Hände die Blüten pflücken, die ja einen guten Tee geben und nicht nur bei Krankheitsfällen als schweißtreibendes Mittel, sondern auch als Ersatz für den selten gewordenen chinesischen Tee dienen sollen. Ganz besonders aber haben sich die Imker des vielen Blühens gefreut, konnten doch bei dem guten Wetter dieses Jahres ihre fleißigen Lieblinge den Nektar der Blüten heimholen, was im kalten Juni 1916 nicht möglich gewesen war. Auch an der Straße nach Vippachedelhausen wird schon geerntet: die Kirschen, die für 950 M. von der Gemeinde verkauft worden sind und wegen ihrer Güte trotz hohen Preises reißend schnell Absatz finden. Der Verkauf der Grasnutzungen an den Straßen und auf dem Friedhof brachte dem Gemeindesäckel ca. 140 Mk. Manch einen in der Ferne wird es interessieren, zu hören, daß die alte Linde am Eingang zum Kirchhof am 2. Pfingstfeiertag zusammengestürzt ist. Durch und durch morsch und hohl bildete sie mit ihrem stark überhängenden Stamme schon lange eine gewisse Gefahr für die umliegenden Häuser, ihre Beseitigung aber war nicht leicht. Nun ist die Gefahr ganz vorüber, aber schade ist's doch auch um einen solchen Veteran. -  Eine Sammlung für die U-Boot-Spende des deutschen Volkes brachte im Orte 251,65 M., darunter zwei Gaben von 100 und von 50 M.   – Am Abend des 14. Juni fand eine Trauerfeier für Otto Büchner statt, an der fast die ganze Gemeinde teilnahm. – Neu eingezogen zum Heere wurde Karl Urbach. Auf Urlaub weilten daheim Leutnant Engel, Emil Baumann, Willy Wächter, Karl Wäldchen, Artur Focke. Fritz Hoppe teilt mit, daß er am linken Bein durch Infanteriegeschoß leicht verwundet worden ist. Hermann Oehlwein, Martin Reuße, Otto Hirschfeld, Paul Hirschfeld, Karl Wäldchen sind Gefreite geworden, Arno Patenge erhielt das Eiserne Kreuz.    

Mit herzlichen Grüßen nach dem Feld und in die Heimat           

Reuße.

1-10 of 30