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Heimatglocken - Markvippach 1917-04

veröffentlicht um 11.05.2015, 06:28 von Udo Key   [ aktualisiert: 11.05.2015, 06:30 ]
Quelle: Manfred Schiller, Schloßvippach
Nun ist im Felde wieder das Leben erwacht. Nachdem er noch fast den ganzen März über uns täglich mit Frost bedacht hat, sodaß das Durchkommen der Wintersaaten, von dem wir bis jetzt wenigstens reden dürfen, fast wie ein Wunder anmutet, hat sich der Winter – hoffentlich endgültig – in sein nordisches Reich zurückgezogen. Der Pflug zieht keine Furchen, Kultivatoren und Eggen krümeln die Schollen, die Drillmaschinen bringen die Saat in den Schoß der Mutter Erde, und hier und da „geht auch ein Säemann aus zu säen“, wie es der Väter Weise war. Der große Kampf des deutschen Ackers gegen den Britenacker hat begonnen, von dem man jenseits der Nordsee gesprochen, daß er die Entscheidung bringen werde. Die wünschen wir gewiß auch. Aber freilich denken wir uns etwas anders als jene. Möchte es mit ihr so sein, wie mit der deutschen Flotte, deren Schiffe die prahlerischen englischen Seelords gleich in den ersten Tagen des Krieges wie Ratten aus den Löchern holen wollten, die aber jetzt ihre Ratten unterm Wasser an Englands Küsten das Gespenst des Hungers tragen läßt. Der deutsche Acker soll siegen! Keine Hand wird ruhen, kein Fuß wird rasten, damit das Ziel erreicht wird, und wenn die nächsten Monate zur Aufrechterhaltung einer ausreichenden Ernährung des Volkes vom Landmann noch Opfer heischen sollten, er wird sie bringen. Denn mit dem Ganzen um das es geht, gehts auch um das Seine. Dem häßlichen Klagen aber gegenüber, in dem sich viele gefallen und sich und andere gewiß nicht stark machen für das, was kommen kann, mag das Wort Beherzigung finden: „Jetzt gilt es nicht nur aushalten und nicht nur durchhalten, sondern vor allem: Maul halten!“

Der März brachte der Schule wieder das Hagenbruchsche Legatfest. Sein schönster Teil, das Schokoladen=Brezelfest, mußte – wohl zum erstenmal – ausfallen, da der Krieg uns die Rohstoffe dazu entzogen hat. So konnte die ganze Summe von 55 M. zur Beschaffung von Schulgebrauchsgegenständen verwendet werden, was bei der derzeitigen Teuerung in derartigen Dingen gewiß von manchen Eltern freudig begrüßt worden ist. Den Konfirmanden konnte ich wieder Gesangbücher überreichen, für deren Beschaffung Frau Kapitän Kirchhoff freundlichst die Mittel zur Verfügung gestellt hatte.

Am 13. März fand eine Kriegsbetstunde statt, am 8. kam der Frauenverein zusammen. Die Jugendwehr hat auf Anregung von hoher und höchster Stelle wieder mit ihrer Arbeit begonnen. Die Gemeinde hat in den Bahnerlen Holz schlagen lassen und durch den Verkauf desselben den schönen Betrag von 398 M. gelöst.

Aus Urlaub kamen aus dem Felde in die Heimat, soviel ich weiß, Friedrich Schmara, Fritz Härter, Karl Klee, Oberleutnant Werneburg. Aus den Garnisonen konnten Sornowski, Alfred Hirschfeld und mein Sohn einige Tage daheim sein. Paul Angermann, der infolge schwerer Verwundung nur mit Stöcken sich vorwärts bewegen konnte, hat durch Anwendung einer elektrischen Kur in Weinheim bei Mannheim den freien Gebrauch der Füße wiedergewonnen.

Am 25. März wurde begraben Pauline Hirschfeld geb. Brüheim aus Stotternheim. Anfang Januar hatte sie noch mit ihrem Manne die goldene Hochzeit bei guter Gesundheit feiern können. Wenige Wochen darnach hat sie sich gelegt und ist nicht wieder aufgestanden, ihr Krankenlager ist ihr Sterbebett geworden. Und auch von einem andern Todesfall haben wir mit allgemeiner Teilnahme gehört. Noch nicht 34 Jahre alt starb in Halle a. S. ein Markvippacher Kinde, Käte Delorme, meines Vorgängers Adjunkt Lincke einzige Tochter, die Gattin unsres früheren Arztes Dr. Delorme in Großrudestedt. Gott tröste die betrübten hier und dort!

Reuße.

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