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Heimatglocken - Markvippach 1915-11

veröffentlicht um 26.10.2012, 05:35 von Udo Key

Liebe Leser und Freunde in der Nähe und in der Ferne, in der Heimat und draußen im Felde! Manch ein Brief, manche Karte ist in den vergangenen Wochen und Monaten wieder zu mir gekommen mit freundlichen Worten über die Heimatglocken und die ersehnte Botschaft, die jedes ihrer Blätter draußen, fern vom Heimatsort, für so viele bedeutet. Dank allen, die da schrieben (Böhme-Hötensleben!), vor allem auch denen, die, durch die Heimatglocken und ihre Berichte über die Liebesarbeit in der Heimat angeregt, mir Gaben sandten, um das Liebeswerk an unsern Kriegern zu fördern (Frau Kapitän Kirchhoff, Tamsbrück, 35 M., Klara Urbach, Herne, 10 M., Frau Herzer, Konstantinopel, 50 M.). Wenn ich nicht allen freundlichen Briefschreibern mit Briefen wieder dienen kann, nehmen Sie diese Zeilen als meinen Brief und Gruß an alle, die in Markvippach ihre Heimat sehen und gerne von ihr hören. Am 3. Okt. Haben wir unser Erntedankfest gefeiert, am 24. Okt. das Kirchweihfest, beide nur kirchlich, da der Ernst der Zeit auch in diesem Jahre wieder weltliche Lustbarkeit verbietet. Aus den Beckenkollekten, die an diesen Tagen stattfanden, erhielt das Karolinenheim in Apolda 5 M., der Kirchbaufonds 7,50 M., die örtliche Kriegsfürsorge 25 M.  Aber auch über diese Gaben hinaus wurden uns Ernte und Kirchweih Anlaß zu Gabe und Opfer. Junge Mädchen, die sich schon öfters in der Kriegszeit dieser Mühe unterzogen hatten, sammelten Liebesgaben für die Lazarette und konnten am 13. Okt. in die Reservelazarette, Gemeindehaus, Kriegsbaracken, Garnisonslazarett, Versicherungsanstalt 5 Ztr. Schönstes Obst, 2 Ztr. Gemüse, 125 Eier, 8 Pfd. Wurst, Eingemachtes, Saft, Käse, viel Kuchen, 400 Zigarren und Zigaretten bringen, außerdem gingen mit der Bahn noch 8 Ztr. Kartoffeln ans Rote Kreuz ab. Am Kirmessonntag aber schafften wieder 11 junge Mädchen ein gut Teil des Kirmeskuchens, mehr als sonst vielleicht Kirmesgäste verzehrt oder mit auf den Weg bekommen hätten, dazu noch Obst und 300 Zigarren nach Weimar, und bereiteten damit den Verwundeten in den Baracken, dem Garnisonlazarett, der Loge, der Villa Thoms und dem Stadthaus eine große Freude. Tags darauf gab es dann auch in Markvippach eine rechte Kirmesfreude. 25 verwundete Krieger aus dem Lazarett Stadthaus mit der leitenden Schwester stellten sich auf eine ihnen gewordene Einladung um die Mittagsstunde mit einem Güterzug unsrer Kleinbahn ein. Am Bahnhof schon stürmisch begrüßt, wurden sie im Triumph von Jung und Alt nach dem Gasthof „Zum Großherzog“ geleitet und dort an festlich geschmückter Tafel mit Mittagbrot, auch Kaffee und Kuchen und Abendbrot bewirtet. Was waren das doch für schöne Stunden, als die zahlreich herbeigekommenen Männer und Frauen dann mit den wackeren Kriegern zusammensaßen und das Erzählen anhub, als Lieder erklangen und auf meine Begrüßungsrede ein Landsturmmann in kerniger, prächtiger Rede verriet, welch` guter Geist in unsern Soldaten steckt und alle ihre Arbeit fürs Vaterland ihnen ganz selbstverständlich ist. Als sie geschieden, sammelten wir die Brocken, die übrig geblieben waren von dem, was in aller Eile aus dem Orte zur Bewirtung der Gäste gespendet war. Es waren bald 3 Körbe mit Kuchen, Wurst, Schinken, 30 Eiern etc.  Das hat dann auch noch seinen Weg nach Weimar genommen. Mehr als eines hat aber zu mir gesagt: Die Kirmes wird nicht vergessen! -  Am 14. Okt. Fand Bürgermeister-Wahl statt. Der bisherige Bürgermeister Berth. Kästner wurde mit 171 Stimmen einstimmig auf 12 Jahre wiedergewählt. -  Zum Heere einberufen wurden Artur Wegfraß und Paul Hirschfeld (nach Erfurt), Arno Kanold zum Train nach Straßburg, Paul Kreuzberg zur Marine. An Kriegsauszeichnungen erhielt Alfred Focke das Großh. Militär-Verdienstkreuz, unser Lehrer Max Engel das Eiserne Kreuz. Heimaturlaub aus dem Lazarett hatten Fritz Härter und mein Sohn, aus der Garnison Schäfer Lübing und Emil Zeuner.           

Mit treuem Gruß !                     

Reuße.

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